hypnotisierte Kaninchen oder Ritalin und das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom

22.11.2012

Gerade eben lese ich folgenden Artikel in der SZ „ Medikamente können kriminelles Verhalten bei ADHS Patienten vermindern“ und sehe im Geiste die Verkaufszahlen von Ritalin weiter explodieren. Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung soll vermehrt mit Medikamenten behandelt werden... Solange es um Erwachsene geht, die für ihr Tun selbst verantwortlich sind, geht es ja noch, bei Kindern, denen man Ritalin und Co. verordnet werde ich immer aufmerksam. Ein heikles Thema, bei dem ich auch wütend werden kann. Ein großes Geschäft wird mit Ritalin gemacht. Meiner Meinung nach wird es allzu leichtfertig verordnet und mittlerweile mischen sich sogar schon die Lehrer in die Diagnose ein. Noch vor 15 Jahren wurden 100mal weniger Kinder behandelt, als heute. Warum sollten in 15 Jahren so viel Psychopathen mehr herumlaufen? Letztendlich stempelt man die Kinder zu Psychopathen ab, denn es ist ein Medikament zur Behandlung von einer psychischen Störung, und das Medikament ist eine richtig schwere Droge, ein sog. „Psychoanaleptikum“ und fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Außerdem macht es abhängig, man kann diese Droge nicht einfach so absetzen, das hätte katastrophale Folgen.

Bei meiner Tätigkeit in England begegnete mir Methylphenidat auf Schritt und Tritt, dort wird es wohl noch sehr viel häufiger verordnet, als in Deutschland. In einer großen Apotheke in einem Ärztehaus gab es einen Psychiater, der hat täglich mindestens zwangigmal Methylphenidat verordnet und ich wollte immer wissen, was das für Typ ist. Und tatsächlich kam er eines Tages herein, ein weißhaariger athletischer Strahlemann wie aus einer Segelwerbung mit Zahnpastawerbung kombiniert. Der kam auch geradewegs auf mich zu, weil er etwas bestellen wollte. Nachdem er Mittagspause hatte war er nicht in Eile und stöberte auf der Theke auf der Suche nach irgendetwas. Wir kamen ins Gespräch und ich fragte ihn, was das für Kinder sind, denen er so häufig Ritalin oder Concerta oder Equasym verordnen würde. Sofort verwandelte sich das eben noch so lachende Gesicht in ein angriffslustiges und er meinte, wieso, ob ich Methylphenidat denn nicht toll fände. Ob ich denn auch Mutter von so einem kleinen nervigen Quälgeist wäre. Ob ich denn wüßte, wie schlimm es wäre, wenn diese kleinen Monster sich aufführen und die Mutter nerven, in der Wohnung herumhektiken, sich in der Schule nicht konzentrieren könnten, und sogar vorm Fernseher nicht mehr ruhig sitzen würden. Ein bißchen Ritalin und schon sind sie wie verwandelt und man kann mit ihnen wieder richtig umgehen.

Ich war total entsetzt. Wenn eine Mutter mit ihren Kinder vorbeikam, die auf Methylphenidat waren, dann starrten die Kinder in der Gegend herum, oder sie standen einfach nur so da, bewegungslos, bis sie von der Mutter wieder geschubst wurden oder aufgefordert wurden zu gehen, wie Roboter, oder, ich finde wie hypnotisierte Kaninchen.

Wenn man sich mit den Müttern unterhält, dann fand sich darunter keine einzige bis heute, die mit den Kindern viel unternimmt, die rausgeht an die Luft, die dafür sorgt, daß die Kinder sich austoben, daß sie abends müde ins Bett fallen, daß sie turnen, toben und klettern dürfen, denn Kinder haben einen riesigen Bewegungsdrang. Statt dessen werden sie vor den Fernseher gesetzt oder vor den Computer und da dürfen sie dann den ganzen Tag lang hineinglotzen – und sitzen da wie hypnotisierte Kaninchen. Und statt daß sie selbst leben, dürfen sie anderen beim Leben (und dann die Frage nach dem Niveau!!!) zuschauen, spielen Computerspiele und werden natürlich gewissermaßen krank. Können sich nicht mehr konzentrieren, werden fahrig und mehr.

Übrigens habe ich das sogar schon in der Schule gehört, daß eine Lehrerin zu einer Mutter sagte, ob sie schon mal darüber nachgedacht hätte, ihrem Kind Ritalin verordnen zu lassen, denn das Kind wäre ja schon sehr lebhaft, das würde um 16 Uhr immer noch hellwach sein und sowie es draußen im Freien wäre, sofort auf den nächsten Baum klettern... Was glauben Sie, wieviele Mütter das sehr ernst nehmen, wenn eine Lehrerin so etwas sagt und dann damit zum Arzt gehen. Es sind mehr, die es ernst nehmen, als die entsetzt sind. Während es im Jahr 1990 noch weniger als 500.000 Tagesdosen waren, die verordnet wurden, stieg diese Zahl im Jahr 2000 auf 13,5 Mio und im Jahr 2010 auf 55 Mio (SZ) Hier ein Säulendiagramm basierend auf dem deutschen Arzneiverordnungsreport 1999 - 2009. Das ist eine sehr problematische Entwicklung", sagt Franz Joseph Freisleder, Direktor des Heckscher-Klinikums München für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Man sollte sich davor hüten, die Diagnose ADHS inflationär auszuweiten und zum Oberbegriff für bunte Verhaltensauffälligkeiten zu machen." Für Freisleder sind Ritalin und Co durchaus berechtigt, "wenn die Diagnose stimmt udn andere Therapien nicht geholfen haben". Das gelte aber nur bei strenger Indikation, und vor dem sechsten Lebensjahr müsse man sehr zurückhaltend sein. (SZ)

Ich bin kein Psychiater, aber ich habe als Apothekerin und Mutter besonders bei Ritalinverordnungen sehr genau hingesehen und wenn ich die Befugnis hätte, würde ich Methylphenidat gesetzlich verbieten lassen. In meinen Augen ist Ritalin Körperverletzung. Und aus lebhaften (= voller Leben, das gelebt werden will) Kindern werden hypnotisierte Kaninchen (= ohne Leben, brav und angepaßt, in chemischer Zwangsjacke). Dazu auch diese Meldung auf heise.de .

Wenn man bedenkt, daß dieser explosionsartigen Vermehrung von Methylphenidat-Verordnungen folgende Richtlinie des gemeinsamen Bundesausschuss zugrundeliegt "Zum Schutz von Kindern und Jugendlichen - Verordnung von Stimulanzien nur in bestimmten Ausnahmefällen" dann staunt man zu recht, denn es wird bisher nicht weniger.

Sind wir so eine kranke Gesellschaft geworden? Es werden die, die anstrengend anders sind angepaßt, damit sie als hypnotisierte Kaninchen niemanden mehr stören. Dabei scheint nicht aufzufallen, daß es die Lebensweise dieser Gesellschaft ist, die wahrscheinlich gerade empfindliche Gemüter "krank" werden läßt.